ich, citoyenne

Als Citoyenne werde ich von Zeit zu Zeit meine Gedanken zu einem aktuellen Thema  auf dieser Seite veröffentlichen. As a citoyenne I will publish from time to time my thoughts on a current topic on this page. 

 18. Januar 2019

Ronald McDonald am Kreuze – die Apokalypse schlechthin

Während sich alle über die Zensur echauffieren, nehmen wir uns doch mal des Pudels Kern vor und denken die inhaltliche Ebene durch. Darüber wurde wieder einmal in keiner Zeitung geschrieben. Vermutlich auch nicht während der kuratorischen Konzeption der besagten Ausstellung reflektiert und vielleicht hat nicht mal der Künstler diese bis zum bitteren Ende durchdacht und sich lediglich intuitiv des starken Bildes bedient.

Ronald McDonald am Kreuze heisst:

Wir als Konsumkritiker sind hier quasi in der römischen/jüdischen Position, wir haben Ronald verraten, dem Kreuze ausgeliefert, ihn genagelt. Und wähnen uns nun als Sieger, da das Böse benannt und gebannt ist.

Am Fusse des Kreuzes flennen nicht die verfetteten Kunden (Jünger) oder die working poors (Maria, welche der beiden auch immer), die zu Hungerlöhnen Burger braten müssen, sondern die 0,1%, denen die Welt gehört. McDo war ja schliesslich Neolberalismus avant la lettre.

Nick Hanauer versucht nun, seine Flenn-Community mit seinem Artikel „The pitchforks are coming“ (Politico 2014/06) zu wecken und wirbt bei ihnen um ‚Vernunft‘, sprich schlussendlich für die eigene Erlösung. Er läutet somit die Auferstehung des Gekreuzigten ein und die geschädigte Community vergibt uns Schuldigern.

An Pfingsten feiert McDo rund um den Globus mit einer 'Bürgeraktion' und verteilt dazu Gratisschnaps (bon, in der islamischen Welt halt was anderes – Haschisch?), damit der Heilige Geist des Konsumismus allen gut einfährt.

Die Jünger fressen die Billigburger bis sie kotzen und reissen die Massen, die ihre gelben Westen wieder ordentlich gefaltet hinter dem Fahrersitz verstauen, mit sich. Schon Büchner wusste: „Gebt dem französischen Bauern ein Huhn in den Topf und die Revolution erleidet eine Apoplexie.“

Wir verkriechen uns hilflos an die Ränder, pflegen unsere Tomaten im städtischen Hinterhof, machen ein paar Körperübungen, die irgendwie unser Bewusstsein erweitern sollen und freuen uns über jeden präzis formulierten Artikel von irgend einem ‚Verschwörungstheoretiker’ auf irgend einer ‚Verschwörungsseite’. Und haben es immer schon kommen sehen.

Die 0,1%, die den Massen mit der Burgeraktion die Mistgabeln entreissen konnten, macht es sich in ihren individuellen Paradiesen wieder gemütlich und teilt sich die restlichen Inseln, die noch käuflich zu erwerben sind, mit dem erneut steigenden Gewinn unter sich auf. Sie scheren sich weiterhin einen Dreck um die Probleme der Welt, während die Hölle langsam aus allen Mülldeponien, Weltmeeren und der Atmosphäre auf die Erde quillt und rasant Fahrt aufnimmt.

Fazit: Roland McDonald beschert dem Neoliberalismus dank seiner Kreuzigung das ewige Leben. Wollte das der Künstler? Wollen wir das? Wollen wir das wirklich? Dank der Zensurdebatte rückte das Streitobjekt erst in ein breiteres Wahrnehmungsfeld. Wir schliessen uns dem Empörungsreigen über die Zensur an, statt nach Inhalten und Ursachen zu fragen. Dieses Phänomen nennt sich Meinungsmanagement.

© Kathrin Borer 2019