Wie war das mit der Membran?

Ein Gespräch zwischen Andreas Hagenbach und Kathrin Borer, 2019

 

AH: Ich bin immer wieder überrascht über Deine Bildfindungen und die Vielfalt Deiner Arbeiten.

KB: Es gibt einen Anfangsimpuls für eine erste Zeichnung, ich plane nie eine Serie, die entwickelt sich immer erst im Zeichenprozess. Ich habe keine fertige Bildidee im Kopf, wenn ich anfange; ein Bildelement führt zum nächsten, eine Zeichnung zur nächsten. Der Zeichenprozess erinnert mich an meine Performances, denn die Intensität und Konzentration sind für mich vergleichbar – ‚es‘ passiert im Moment selbst. Ich arbeite eher langsam, dies macht mich manchmal ungeduldig. Aber ein Kondensat braucht eben Zeit, um sich entwickeln zu können, das muss ich akzeptieren.

Reduktion und Zuspitzung sind bei Dir zentrale Mittel, die direkt auf das Prekäre zusteuern.

In der Zuspitzung ist eine Verdichtung möglich, dies ist ein dramaturgischer Kniff, den ich als Methode sehr schätze. «Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts.» sagte Heiner Müller einmal. Mich interessiert in der Kunst die Dramatik mehr als die unversehrte Welt, weil ich damit das Exemplarische pointierter herausarbeiten kann. Ich ziele auf das Prekäre, denn der Blick wendet sich sowieso dem Schönen zu.

Bei meinen neuen Zeichnungen gehe ich anders mit dem Bildraum um. Die Zeichnungen werden dichter, auch verspielter, das ist sehr spannend für mich. Ich weiss noch nicht, wohin das führt.

Du spielst mit Gegensätzen. Bei Dir oszilieren die Arbeiten oft zwischen einer schönen, präzisen Ausführung und abgründigen Inhalten. Du hast vorhin Heiner Müller zitiert, lass uns deshalb zum Thema Sprache kommen: Sie ist für dich ein wichtiges Medium und auch hier operierst Du in sehr präziser und reduzierter Form.

Sprache ist für mich ein bildnerisches Medium wie die Zeichnung oder die Objekte auch, da mache ich keinen Unterschied. Es sind verschiedene Facetten einer Welt und ich kann nicht alles mit jedem Mittel gleich gut erzählen. Jede der Techniken bietet mir einen anderen Widerstandsfaktor.

«Operieren» gefällt mir als Bild – ich stelle mir im übertragenen Sinn tatsächlich oft das Skalpell als mein ideales Arbeitswerkzeug vor. Sezieren, die Dinge bis auf ihren Knochen freilegen und manchmal wird es eben blutig dabei. Und dies nicht, weil ich es blutig will, sondern weil die Sache blutig ist. Ich wechsle zwischen den Medien, um nicht in eine Routine zu verfallen. Ich will wach bleiben. Was Du in der Eingangsfrage als Vielfalt bezeichnest, hat durchaus einen gemeinsamen Nenner oder Antrieb. Es gibt jedoch Themen, die dringen eher aus der Aussenwelt an mich heran, die gehen von gesellschaftlichen Fragen aus. Und dann gibt es meine Innenwelten, über die ich selber manchmal staune. Aber auch die sind nicht losgelöst vom Gesellschaftlichen, weil ich Teil davon bin, mich daran reibe. Und dann gibt es Arbeiten, die bezeichne ich als ‚Membranarbeiten‘ und die liegen zwischen den beschriebenen Polen. Diese Membran wirkt auf beide Seiten osmotisch. Wenn ich mir dies jetzt überlege, dann sind eigentlich alle Arbeiten Membranarbeiten. Mal findet die Osmose mehr von aussen nach innen, mal mehr von innen nach aussen statt. Die Welt fällt mich auf beiden Seiten an.