Kathrin Borer
Ammann_Video Video-Ausschnitt Vernissagen-Rede Jean-Christophe Ammann




„Wenn ich in der Gesellschaft störungsfrei funktioniere, dann habe ich eine Verbindungsstörung im Atelier. Wenn ich im Atelier bei mir, in mir bin, grabe, finde, wüte, dann habe ich eine Verbindungsstörung nach außen. Diese stört mich nicht wirklich, im Gegenteil. Umgekehrt bedroht es meine Existenz im Kern.“ (Kathrin Borer)

Die „existenzielle Bedrohung“ eines Künstlers, von der Kathrin Borer spricht, ist stets in die kollektive Biografie eingebunden. Eine „existenzielle Bedrohung“ ist oft schwer zu umreißen, vor allem dann, wenn man nicht im Elfenbeinturm sitzt, wenn das Denken ein gesellschaftliches ist und sich somit osmotisch verhält, wenn es darum geht eine Form zu finden, für eine Wirklichkeit, die so Martin Meyer in der Neuen Züricher Zeitung vom 31.12.2010, „immer schneller zur Konvergenz von realen und digitalen «Inhalten» drängt“. Die Form muss die Inhalte in Ekstase versetzen, unter Ekstase verstehe ich etwas Einfaches: was und wann immer etwas geschieht, es muss gegenwärtig sein und bleiben. […]
Die Zeichnungen von Kathrin Borer sind ohne ihre Performances zwischen 2003 und 2008 nur schwer denkbar. In sich schlüssig bilden sie eine Art Blaupause für Inhalte und Motive der Zeichnungen. Unerhört zarte Strichgebilde charakterisieren die Blätter. Der Strich ist von der Präzision einer gespannten Saite, aber nicht um des Striches, sondern um des Klangs willen. Aquarellierte Flächen können gegenstandbezogen sein, können aber auch eine Raumdimension entgrenzen. […]
Kathrin Borer zeichnet oft in Serien, wobei diese manchmal Titel haben. Zum Beispiel: Näher und näher auseinander; sinkendes Behöhlen; Daydrawings Nightdrawings (London Sheets). Die Zeichnungen – stets in hauchdünnen Umrissen festgehaltene Objekte – bieten sich der Deutung an, oder anders gesagt: wollen „gelesen“ werden, auch wenn die Bedeutung letztlich offen bleibt. […]
Die Tür eines Raumes führt auf eine überproportionierte Mäusefalle. Im Raum befindet sich ein Galgen. Die zweistufige Treppenkonstruktion auf einem Podest nimmt Rücksicht auf die Größe des Verurteilten. Der Galgen ist „humaner“ als das Erhängen. Im Iran wird das Erhängen mehrerer Verurteilter, auch Jugendlicher, öffentlich zelebriert. Sie werden von Kränen hochgezogen, dem zahlreichen Publikum zappelnd vor Augen geführt. Freisler verurteilte die Täter vom 20. Juli 1944 zum Erhängen. Sie erstickten. Das Genick wird nicht durch einen massiven Schlag gebrochen. Die Mäusefalle ist das Gegenstück zum Hängen. Das Tier krepiert möglicherweise langsam. In dieser Zeichnung steckt das ganze Ritual des Tötens, seit Jahrtausenden. Töten als perverse Lust. Das sich Ergötzen am Todeskampf. […]
Es gibt die fragilen Treppenkonstruktionen, Stege, die über Leitern in imaginäre Räume führen, ein „Wolkenkuckucksheim“ der einsamen auf sich selbst geworfenen Kreativität. Die Gefahr des Einbrechens, das Stürzen, der Zweifel sind der Schatten des Künstlerdaseins. – Es sind geräuschlose Zeichnungen. Die Richtung des Gehens ist nicht vorgegeben. Stück für Stück müssen Stege, Leitern, Bretter mit Sprossen, Absätze, wie durch ein Sumpfgebiet, stets von neuem sondiert, errichtet werden. Die Räume sind oft schwebend, können leer sein, sich nach oben öffnend, sich vervielfältigend, aber auch einen Boxring enthalten, wo man die Leiter erklimmend gegen sich selbst antreten und bestehen muss. […]
In all diesen Zeichnungen stellen wir fest, dass der performative Aspekt um eine skulpturale Dimension erweitert wurde. Nicht dahingehend, dass Kathrin Borer daran interessiert wäre, solche räumlichen Strukturen zu bauen. Aber es sind Metaphern für psychisch-emotionale Belastungsszenarien, die über ein weites Assoziationsfeld die existenzielle Kreativität befragen und deren Richtung bestimmen. […]
In all diesen Beispielen bringen die mit miniaturhafter Akribie gezeichneten Gegenstände den roten Teppich zum Leben. Er besitzt eine reale Energie, anders als der an einer Stange hängende Lappen im geheimnisvollen Schloss der „Besessenen“ (1939) von Witold Gambrowicz: Die sanften Bewegungen werden einem bösen Geist zugeschrieben. Wer eine Nacht in der ehemaligen Küche verbringt, verfällt dem Irrsinn. Das Grauen ist unbeschreiblich, und dennoch erweist sich alles als Lug und Trug, weil der Transfer von obsessiven, ja zerstörerischen Energiefeldern die Menschen in die Raserei treibt.
Die Energie des roten Teppichs ist nicht die des fliegenden Teppichs, sie ist eine charismatische, hingebungsvolle. Der rote Teppich erinnert mich an die „Bergpredigt“. Vielleicht ist es so, dass der von Sägeblättern zerteilte Teppich wieder zusammenwächst, dass er die Tellerminen, die er verdeckt entschärft, dass die Stacheldrahtrolle beim Betreten des Teppichs zu Staub und Asche zerfällt. Beim Betrachten der Zeichnungen von Kathrin Borer denke ich an Wallace Stevens. Sein Gedicht „Leere im Park“ lautet:

März...Jemand ist über den Schnee gegangen,
Jemand, der etwas suchte, ohne zu wissen was.

Es ist wie ein Boot, das nachts
Von einer Küste abfuhr und verschwand.

Es ist wie eine Gitarre auf einem Tisch,
Liegengelassen von einer Frau, die sie vergaß.

Es ist wie die Stimmung eines Mannes,
Der zurückkam, um ein bestimmtes Haus zu betrachten.

Die vier Winde durchwehen den ländlichen Baum,
Unter seinen Matratzen aus Weinlaub.


Jean-Christophe Ammann, März 2011